Jenseits des Burggrabens

In der Welt der Wirtschaft und des Investierens gibt es kaum ein Konzept, das so bekannt ist wie der „ökonomische Burggraben“. Dieser von Warren Buffett populĂ€r gemachte Begriff beschreibt den Wettbewerbsvorteil, der ein Unternehmen vor Konkurrenten schĂŒtzt, so wie ein Burggraben eine Burg vor Angreifern bewahrt. Die Idee ist einfach und eingĂ€ngig: Bauen Sie eine starke Verteidigung, und Sie werden florieren.

Doch wĂ€hrend das Konzept einfach ist, ist die RealitĂ€t des Aufbaus eines nachhaltigen Vorteils voller ĂŒberraschender und kontraintuitiver Wahrheiten. Viele gĂ€ngige Annahmen darĂŒber, was ein Unternehmen erfolgreich macht – eine boomende Branche, eine berĂŒhmte Marke oder die FĂ€higkeit, Preise zu diktieren – sind oft irrefĂŒhrend oder bestenfalls unvollstĂ€ndig. Die wahre Natur dauerhafter Wertschöpfung ist weitaus differenzierter.

Dieser Artikel hat zum Ziel, die wichtigsten und unerwartetsten Erkenntnisse aus einer tiefgehenden Analyse von Morgan Stanleys Counterpoint Global darĂŒber zu destillieren, was wirklich dauerhaften Unternehmenswert schafft. Wir werden vier konventionelle Weisheiten auf den PrĂŒfstand stellen und aufdecken, was die Daten tatsĂ€chlich ĂŒber den Aufbau eines undurchdringlichen wirtschaftlichen Burggrabens aussagen.

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1. Ihre Branche besiegelt nicht Ihr Schicksal

Eine weit verbreitete Annahme ist, dass der Erfolg eines Unternehmens stark von seiner Branche abhĂ€ngt. Es scheint logisch: Steigen Sie in einen schnell wachsenden, hochprofitablen Sektor ein, und die Chancen stehen gut fĂŒr Sie. Umgekehrt scheint ein Engagement in einer stagnierenden oder schrumpfenden Branche ein Rezept fĂŒr Misserfolg zu sein. Die Daten erzĂ€hlen jedoch eine andere Geschichte.

Die Analyse von Morgan Stanley zeigt klar, dass wertschaffende Unternehmen selbst in Branchen existieren, die im Durchschnitt Wert vernichten. Umgekehrt finden sich wertvernichtende Unternehmen auch in hochprofitablen Sektoren. Die Streuung der Unternehmensleistung innerhalb einer Branche ist oft grĂ¶ĂŸer als die Leistungsunterschiede zwischen den Branchen. Studien zur „Leistungszerlegung“ (performance decomposition) bestĂ€tigen dies: Der unternehmensspezifische Einfluss ist in der Regel der wichtigste Faktor fĂŒr die Performance, gefolgt von Branchen- und FĂŒhrungseffekten.

Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung, denn sie unterstreicht, dass die spezifische Strategie und die operative Umsetzung eines Unternehmens weitaus wichtiger sind als die bloße Teilnahme an einem „heißen“ Sektor. Letztendlich ist die Architektur eines robusten GeschĂ€ftsmodells entscheidender als die bloße Teilnahme an einem attraktiven Markt.

2. Wahre „Disruption“ geschieht, wenn die Giganten sich freiwillig zurĂŒckziehen

Der Begriff „Disruption“ wird oft fĂ€lschlicherweise fĂŒr jede bahnbrechende neue Technologie verwendet. Das ursprĂŒngliche Modell der „disruptiven Innovation“ von Clayton Christensen beschreibt jedoch etwas viel Subtileres: Es geht nicht um eine radikal neue Technologie, sondern um ein neues GeschĂ€ftsmodell, das zunĂ€chst das untere Ende eines Marktes bedient oder einen völlig neuen Markt schafft.

Das Paradoxe daran ist, dass etablierte Unternehmen diese disruptiven Neueinsteiger oft nicht bekĂ€mpfen, sondern ihnen bewusst das Feld ĂŒberlassen. Hierbei muss man zwei Arten der Disruption unterscheiden: Bei der „Low-End-Disruption“ sind die Etablierten motiviert zu fliehen, weil es kurzfristig die rationale, gewinnmaximierende Entscheidung ist. Sie konzentrieren sich lieber auf ihre anspruchsvollsten und profitabelsten Kunden, anstatt sich mit den geringeren Margen des unteren Marktsegments zu befassen. Ein klassisches Beispiel sind integrierte Stahlwerke, die den margenschwachen Markt fĂŒr Bewehrungsstahl den aufstrebenden Mini-Stahlwerken ĂŒberließen.

Bei der „New-Market-Disruption“ hingegen sind die Etablierten motiviert, die neue Entwicklung zu ignorieren, da sie einen Markt bedient, der fĂŒr sie irrelevant erscheint (sogenannter „Non-Consumption“). Dieser freiwillige RĂŒckzug oder die bewusste Ignoranz gibt den Disruptoren den Raum, den sie zum Wachsen und zur Verbesserung benötigen. Mit der Zeit werden ihre Produkte gut genug, um auch die etablierten Kunden anzusprechen – und dann ist es fĂŒr die etablierten Unternehmen oft zu spĂ€t, um zu reagieren. Wie die Analyse hervorhebt, ist das Kernproblem selten die Technologie selbst.

„it is a business model problem, not a technology problem.“

„Es ist ein Problem des GeschĂ€ftsmodells, nicht ein Problem der Technologie.“

3. Vergessen Sie „Preissetzungsmacht“. Die wahre Magie liegt in der „Zahlungsbereitschaft“.

Warren Buffetts Ansicht ĂŒber die Bedeutung der Preissetzungsmacht ist legendĂ€r und wird oft als entscheidendes Kriterium fĂŒr ein großartiges Unternehmen zitiert.

“The single-most important decision in evaluating a business is pricing power. If you’ve got the power to raise prices without losing business to a competitor, you’ve got a very good business. And if you have to have a prayer session before raising the price by a tenth of a cent, then you’ve got a terrible business.”

„Die bei weitem wichtigste Entscheidung bei der Bewertung eines Unternehmens ist die Preissetzungsmacht. Wenn Sie die Macht haben, die Preise zu erhöhen, ohne Kunden an einen Konkurrenten zu verlieren, haben Sie ein sehr gutes GeschĂ€ft. Und wenn Sie eine Gebetsstunde abhalten mĂŒssen, bevor Sie den Preis um einen Zehntel Cent anheben, dann haben Sie ein schreckliches GeschĂ€ft.“

Obwohl dies nicht falsch ist, lenkt es von einem noch grundlegenderen Konzept ab. Die Analyse von Counterpoint Global stellt das Konzept des „Value Stick“ (Wertstab) vor, das eine vollstĂ€ndigere Sichtweise bietet. Wahre Wertschöpfung entsteht durch die VergrĂ¶ĂŸerung der Spanne zwischen der Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay, WTP) des Kunden und der Verkaufsbereitschaft (Willingness to Sell, WTS) der Lieferanten (einschließlich Mitarbeiter).

Das ultimative Ziel eines Unternehmens sollte nicht einfach darin bestehen, Preise zu erhöhen, sondern die WTP des Kunden zu steigern und gleichzeitig die WTS der Lieferanten zu senken. Preiserhöhungen sind nur eine Möglichkeit, wie ein Unternehmen einen Teil dieses geschaffenen Wertes fĂŒr sich beanspruchen kann. Eine weitaus nachhaltigere Strategie besteht darin, zunĂ€chst eine große „Konsumentenrente“ zu schaffen – die LĂŒcke zwischen dem, was ein Kunde zu zahlen bereit wĂ€re, und dem tatsĂ€chlichen Preis. Dieser kundenorientierte Ansatz, der darauf abzielt, den wahrgenommenen Wert zu maximieren, ist die wahre Quelle eines langfristigen Vorteils. Preissetzungsmacht ist dann lediglich ein Symptom dieses tiefer liegenden Wertes, nicht die Ursache.

4. Eine starke Marke ist kein Burggraben – sie ist ein Werkzeug

Es ist eine der am tiefsten verwurzelten Überzeugungen in der GeschĂ€ftswelt: Eine starke, bekannte Marke ist gleichbedeutend mit einem Wettbewerbsvorteil. Intuitiv erscheint dies logisch – denken Sie an Coca-Cola, Apple oder Nike. Die Daten legen jedoch nahe, dass dies eine gefĂ€hrliche Verallgemeinerung ist.

Die Analyse von Morgan Stanley zeigt eine ĂŒberraschend schwache Korrelation zwischen Markenrankings und der tatsĂ€chlichen finanziellen Leistung, gemessen an der Rendite auf das investierte Kapital (Return on Invested Capital, ROIC). Eine berĂŒhmte Marke allein garantiert keine ĂŒberdurchschnittlichen Renditen.

Wann also wird eine Marke wertvoll? Nur dann, wenn sie als Werkzeug dient, um entweder die Zahlungsbereitschaft eines Kunden zu erhöhen oder die Verkaufsbereitschaft eines Lieferanten zu senken. Eine Marke kann die Zahlungsbereitschaft auf zwei wesentliche Weisen erhöhen: indem sie Status verleiht oder indem sie Risiken reduziert. Ein Beispiel fĂŒr Status ist der Vergleich zwischen einem Diamantring von Tiffany & Co. fĂŒr 16.600 Dollar und einem fast identischen Ring von Costco fĂŒr 6.600 Dollar. Der enorme Preisunterschied lĂ€sst sich nicht durch die MaterialqualitĂ€t erklĂ€ren, sondern durch den Status, den die ikonische blaue Tiffany-Box vermittelt.

Ein Beispiel fĂŒr die Risikoreduktion lieferte Charlie Munger, Buffetts langjĂ€hriger Partner, brillant am Beispiel von Kaugummi.

“If I go to some remote place, I may see Wrigley chewing gum alongside Glotz’s chewing gum. Well, I know that Wrigley is a satisfactory product, whereas I don’t know anything about Glotz’s. So if one is 40± and the other is 30±, am I going to take something I don’t know and put it in my mouth—which is a pretty personal place, after all—for a lousy dime?”

„Wenn ich an einen entlegenen Ort reise, sehe ich vielleicht Wrigley’s Kaugummi neben Glotz’s Kaugummi. Nun, ich weiß, dass Wrigley ein zufriedenstellendes Produkt ist, wĂ€hrend ich ĂŒber Glotz’s nichts weiß. Wenn also das eine 40 Cent und das andere 30 Cent kostet, werde ich dann fĂŒr einen lausigen Dime etwas, das ich nicht kenne, in meinen Mund stecken – der schließlich ein ziemlich persönlicher Ort ist?“

Hier ist die Marke Wrigley wertvoll, weil sie eine Garantie fĂŒr QualitĂ€t darstellt und das Risiko fĂŒr den Verbraucher reduziert. Eine Marke ist also kein automatischer Burggraben, sondern ein Werkzeug, das, wenn es richtig eingesetzt wird, zur StĂ€rkung der Burgmauern beitragen kann.

Schlussfolgerung: Die Mauern der Burg neu ĂŒberdenken

Der Aufbau eines dauerhaften wirtschaftlichen Burggrabens ist ein weitaus differenzierterer Prozess, als es die gĂ€ngigen GeschĂ€ftsweisheiten vermuten lassen. Die wahren BurggrĂ€ben sind keine statischen Verteidigungsanlagen, sondern dynamische Systeme zur Wertschöpfung. Sie basieren nicht auf der AttraktivitĂ€t einer Branche, sondern auf der Überlegenheit des eigenen GeschĂ€ftsmodells – oft eines Modells, das von etablierten Unternehmen aus rationalen GrĂŒnden zunĂ€chst ignoriert oder gemieden wird.

Die widerstandsfĂ€higsten Unternehmen konzentrieren sich darauf, die Kluft zwischen der Zahlungsbereitschaft der Kunden (WTP) und der Verkaufsbereitschaft der Lieferanten (WTS) kontinuierlich zu vergrĂ¶ĂŸern. Sie nutzen Instrumente wie ihre Marke nicht als Selbstzweck, sondern gezielt, um diese Kluft zu erweitern – indem sie entweder den wahrgenommenen Wert fĂŒr den Kunden erhöhen oder ihre Kostenstruktur auf eine Weise optimieren, die fĂŒr Wettbewerber schwer zu imitieren ist. Der Burggraben ist das Ergebnis dieser dynamischen Wertschöpfung, nicht deren Voraussetzung.

Nachdem Sie nun gesehen haben, wie irrefĂŒhrend konventionelle Weisheiten sein können, welche lange gehegte GeschĂ€ftsĂŒberzeugung werden Sie als NĂ€chstes in Frage stellen?

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