Unsere 5 Thesen für 2026

In einer Welt, die von ständiger Unsicherheit und einem unendlichen Strom an Wirtschaftsdaten geprägt ist, fällt es oft schwer, den Überblick zu behalten. Jeder Tag bringt neue Schlagzeilen über Inflation, Wachstum und Zinspolitik, die oft mehr Verwirrung als Klarheit schaffen. Anleger und Beobachter fragen sich zu Recht: Was sind die wirklich entscheidenden Trends, die die Märkte im kommenden Jahr prägen werden?

Wir haben einen Investmentausblick für 2026 verfasst und die für uns fünf wichtigsten, oft kontraintuitiven Thesen herausgearbeitet. Diese Einsichten gehen über die täglichen Nachrichten hinaus und beleuchten die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die sich unter der Oberfläche der Weltwirtschaft vollziehen.

Wichtiger Hinweis: Aledius-Publikationen sind eine unverbindliche Marketingmitteilung. Sie stellen weder eine konkrete Anlageempfehlung dar, noch kommt durch ihre Ausgabe oder Entgegennahme ein Auskunfts- oder Beratungsvertrag gleich welcher Art zustande. Die etwaigen genannten Kennzahlen und Entwicklungen der Vergangenheit sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Entwicklungen, sodass sich insbesondere darauf gestützte Prognosen im Nachhinein als unzutreffend erweisen können.

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Erkenntnis 1: KI ist keine Blase, sondern eine Revolution mit solidem Fundament

Der rasante Aufstieg von KI-Aktien hat viele an die Dotcom-Blase der späten 90er Jahre erinnert. Doch diese Analyse ist oberflächlich und irreführend. Der aktuelle KI-Boom wird nicht von spekulativen Hoffnungen, sondern von hochprofitablen, finanzstarken Unternehmen angetrieben, die über enorme Cash-Reserven verfügen.

Der fundamentale Unterschied lässt sich quantifizieren: Die Free-Cash-Flow-Marge des Technologiesektors liegt heute bei fast 20% und ist damit mehr als doppelt so hoch wie zur Zeit der Dotcom-Blase. Diese Investitionen bedienen eine reale, bereits monetarisierte Nachfrage nach KI-Hardware, Cloud-Diensten und spezialisierter Software. Während frühere Blasen auf unbewiesenen Geschäftsmodellen basierten, baut der KI-Sektor eine greifbare Infrastruktur auf, um einem exponentiell wachsenden Bedarf gerecht zu werden.

Tatsächlich zerplatzen Blasen zu Nichts, aber das KI-Thema baut eine echte Infrastruktur auf, um die wachsende Nachfrage zu bedienen. Für Anleger bedeutet dies, sich auf eine strukturelle statt auf eine zyklische Story zu konzentrieren. Wir erleben hier keine kurzlebige Modeerscheinung, sondern den Beginn eines langfristigen Wandels, der ganze Industrien umgestalten wird.

Erkenntnis 2: Das Ende der US-Dominanz? Internationale Aktien melden sich zurück

Ein ganzes Jahrzehnt lang galt am Aktienmarkt das Dogma “There Is No Alternative” (TINA) zu US-Aktien. Doch diese Ära neigt sich dem Ende zu. Die Lücke beim Gewinnwachstum zwischen den USA und dem Rest der Welt verengt sich zusehends. Tatsächlich haben internationale Aktien im Jahr 2025 die US-Aktien so stark übertroffen wie seit 1993 nicht mehr – ein klares Signal für eine tiefgreifende Verschiebung. Hinzu kommt ein überzeugendes Bewertungsargument: Der Bewertungsaufschlag von US-Aktien gegenüber internationalen Titeln liegt bei 34 % und damit weit über dem langfristigen Durchschnitt von 19 %.

Vier strukturelle Themen stützen diese Entwicklung und verleihen den internationalen Märkten neuen Auftrieb:

  1. Positives nominales Wachstum: Das Ende der Negativzinsen in Regionen wie Europa und Japan hat die Ertragslage insbesondere für Finanzwerte fundamental verbessert.
  2. Ausweitung des KI-Themas: Die KI-Revolution ist kein rein amerikanisches Phänomen. Unternehmen in Märkten wie Offshore-China, Korea, Taiwan und Japan – von Halbleiterherstellern über Cloud-Anbieter bis zu Robotik-Spezialisten – werden zu zentralen Akteuren in der globalen KI-Wertschöpfungskette.
  3. Fiskalische Ausgaben: Im Gegensatz zur Sparpolitik nach der Finanzkrise investieren Regierungen weltweit massiv. Insbesondere europäische Länder haben zugesagt, bis zu 5% ihres BIP in Verteidigung und Infrastruktur zu investieren, was heimische Unternehmen begünstigt.
  4. Fokus auf Aktionärsrenditen: Praktiken wie Aktienrückkäufe, einst ein Markenzeichen der USA, setzen sich zunehmend auch in Europa und Asien durch und steigern den Gewinn pro Aktie.

Die Implikation für Investoren ist unmissverständlich: Eine rein auf die USA fokussierte Allokation ignoriert die wachsende fundamentale Stärke und die attraktiveren Bewertungen auf den internationalen Märkten.

Erkenntnis 3: Die “K-förmige” Wirtschaft – Eine Geschichte zweier Realitäten

Während die Gesamtwirtschaft auf den ersten Blick robust erscheint, verbirgt sich darunter eine wachsende Spaltung. Experten sprechen von einer “K-förmigen” Expansion, die verschiedene Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich betrifft.

Der obere Arm des “K” repräsentiert wohlhabendere Haushalte. Angetrieben durch den Boom am Aktienmarkt, der ihr Vermögen vermehrt hat, bleibt ihre Konsumlaune ungebrochen, insbesondere bei Luxusgütern und hochwertigen Dienstleistungen. Der untere Arm des “K” steht für Haushalte mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. Sie fühlen sich zunehmend unter Druck gesetzt, da Inflation und höhere Lebenshaltungskosten ihre Budgets belasten. Gleichzeitig bleiben zinsreagible Sektoren wie der Immobilienmarkt schwach. Diese Zweiteilung erklärt, warum makroökonomische Durchschnittswerte oft ein irreführendes Bild der wirtschaftlichen Realität vieler Menschen zeichnen. Für Anleger bedeutet dies, dass ein Portfolio, das nur auf den breiten Konsum setzt, die eigentlichen Gewinner und Verlierer dieser gespaltenen Wirtschaft verfehlen könnte.

Erkenntnis 4: Diversifikation ist nicht tot – sie ist nur anders (und wichtiger denn je)

Die jahrelange Outperformance einer kleinen Gruppe von US-Wachstumswerten hat viele Anleger in eine gefährliche Lage gebracht: Sie sind “offsides”, also gefährlich auf die Gewinner von gestern konzentriert. Die Ereignisse des Jahres 2025 haben jedoch gezeigt, dass Diversifikation mit aller Macht zurückkehren kann.

Das traditionelle “60/40”-Portfolio aus 60% Aktien und 40% Anleihen muss sich weiterentwickeln. Die Zukunft liegt in einem “60/40+”-Ansatz. Dieses “+” steht für alternative Anlagen – von Private Equity über Infrastruktur bis hin zu Private Credit –, die unkorrelierte Renditen bieten und ein Portfolio widerstandsfähiger machen können. Die Logik ist einfach: Wenn die alten Gewinner nicht mehr unangefochten an der Spitze stehen, wird eine breitere Streuung des Kapitals über Regionen, Anlageklassen und Strategien hinweg entscheidend für den langfristigen Erfolg.

Wer befürchtet, dass die Diversifikation in der heutigen Welt tot ist, kann beruhigt sein: Die Berichte über ihren Tod sind stark übertrieben, und jetzt ist ein ausgezeichneter Zeitpunkt, um wieder “onsides” zu kommen. Die strategische Konsequenz ist, Portfolios aktiv zu rebalancieren und die Konzentration auf wenige Marktsegmente zu reduzieren, um für die neue, breiter gefächerte Marktführerschaft gewappnet zu sein.

Erkenntnis 5: Die US-Notenbank ist gespalten – Bereiten Sie sich auf eine holprige Zinsfahrt vor

Wer auf schnelle und deutliche Zinssenkungen durch die US-Notenbank (Fed) hofft, könnte enttäuscht werden. Innerhalb der Fed herrscht eine bemerkenswerte Uneinigkeit über den richtigen Kurs, die sich selten so deutlich zeigt. Beim FOMC-Treffen im Oktober gab es eine abweichende Stimme, die für gar keine Zinssenkungen plädierte, während ein anderes Mitglied für eine aggressivere Lockerung stimmte. Dieser offene Dissens illustriert den inneren Konflikt: die Notwendigkeit, die Inflation zu bekämpfen, versus den Wunsch, den sich abkühlenden Arbeitsmarkt zu stützen.

Diese interne Zerrissenheit deutet auf einen “flachen Lockerungspfad” hin. Die aktuelle Prognose geht von lediglich zwei bis drei Zinssenkungen bis Ende 2026 aus. Konkret wird erwartet, dass sich die kurzfristigen Zinsen (2-jährige Staatsanleihen) zwischen 3,50% und 3,75% einpendeln, während die langfristigen Zinsen (10-jährige Staatsanleihen) zwischen 4,0 % und 4,50% verharren. Anleger müssen sich auf eine anhaltende Zinsvolatilität einstellen. Eine Wette auf einen klaren und schnellen Zinsrückgang ist daher hochriskant.

Schlussfolgerung

Das Jahr 2026 mag auf den ersten Blick wie eine Fortsetzung des Gewohnten aussehen, doch unter der Oberfläche finden tiefgreifende strukturelle Veränderungen statt. Von der soliden Basis der KI-Revolution über die Wiedererstarkung internationaler Märkte bis hin zur Notwendigkeit einer neu gedachten Diversifikation – die alten Gewissheiten des letzten Jahrzehnts verlieren an Gültigkeit.

Die entscheidende Frage für 2026 lautet daher nicht, ob die Wirtschaft “gut” oder “schlecht” sein wird, sondern:

Ist ein Portfolio auf eine Welt vorbereitet, in der die alten Regeln nicht mehr gelten? In einem Umfeld, in dem die breite Diversifikation zurückkehrt, wird die aktive Allokation über Anlageklassen und Regionen hinweg vom “Nice-to-have” zur absoluten Notwendigkeit für den Anlageerfolg.

Wir wünschen Ihnen eine schöne und besinnliche Vorweihnachtszeit! 🎄

PS: Und nicht vergessen – Immer sonntags ist unser wöchentlicher Marktkommentar im Blog zu hören.

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