Lesezeit: ~7 Minuten · Stand: September 2026 · Aledius Asset Management
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Die Finanzwelt von 1868
Um zu verstehen, was 1868 in London geschah, muss man sich zunächst die Welt jener Zeit vergegenwärtigen. Telefon, Auto und selbst die Glühbirne waren noch nicht erfunden, auch die Eröffnung des Suezkanals, der bald darauf die Handelswege der Welt verkürzen würde, musste noch mehr als ein Jahr auf sich warten lassen. London stand im Zentrum einer Weltwirtschaft, die gerade erst begriff, was die industrielle Revolution ausgelöst hatte. An den Märkten drehte sich alles um Rohstoffe, Eisenbahnaktien und ausländische Anleihen, und über allem lag der Rhythmus aus euphorischen Boomphasen und den Krisen, die ihnen folgten.
Betrug war ebenfalls ein fester Bestandteil der damaligen Wirtschaft. Gefälschte Bücher und in Umlauf gebrachte Aktien von Scheinfirmen waren keine Ausnahme, und das, obwohl das Parlament mit dem Companies Act von 1862 das Gesellschaftsrecht gerade erst modernisiert hatte. Für besonders tiefes Misstrauen hatte 1866 der Zusammenbruch der einstigen „Bank der Banken“, Overend, Gurney & Co., gesorgt – die schwerste finanzielle Erschütterung, die London bis dahin erlebt hatte. Unruhen und Unsicherheiten prägten diese Jahre und zwangen die Leute, die ihr Geld schützen wollten, sich etwas einfallen zu lassen, um nicht darunter leiden zu müssen.
Streuung – ein Privileg der Reichen
Die Wohlhabenden kannten die Antwort auf dieses Dilemma längst, man setzte nicht alles auf eine Karte, sondern verteilte sein Vermögen über möglichst viele Anlagen. Wer es sich leisten konnte, baute sich auf diese Weise ein breit gestreutes Portfolio auf. Ein privater Vorläufer dessen, was ein Fonds später für viele zugleich leisten sollte. Besonders vielversprechend waren ausländische Anleihen und Aktien, die spürbar höhere Renditen boten als die trägen heimischen Papiere. Der Haken war das Risiko, denn einzelne ausländische Anleihen und Aktien waren in der Vergangenheit bis hin zum Totalausfall gesunken. Wer sein Geld allein auf einen solchen Wert setzte, konnte alles verlieren. Erst die Streuung über viele verschiedene Titel entschärfte diese Gefahr, indem ein Ausfall an der einen Stelle von den Erträgen an der anderen aufgefangen wurde.
Nur war eben genau das ein Vorrecht, das der breiten Masse verwehrt blieb. Um fünfzehn oder zwanzig verschiedene Werte einzeln zu erwerben, brauchte man ein beträchtliches Vermögen, und so blieb dem normalen Sparer, selbst dem gut situierten, nur die Wahl zwischen den heimischen Wertpapieren, die kaum etwas abwarfen, und den einzelnen ausfallfreudigen Auslandsanlagen. Dem einfachen Bürger fehlte also nicht der Zugang zum Investieren selbst, aber die Möglichkeit ,sein Geld mit einer angemessenen Sicherheit zu mehren.
Eine alte Idee, fast vergessen

Ganz neu war der Gedanke nicht, Kapital zu bündeln und Risiken gemeinsam zu tragen. Schon 1774 hatte der Amsterdamer Broker Abraham van Ketwich ein ganz ähnliches Konstrukt für kleine Anleger aufgelegt. Doch diese frühen niederländischen Versuche gerieten aufgrund von politischen Umbrüchen und Kriegen wieder in Vergessenheit. Erst knapp ein Jahrhundert später sollte in London im Jahr 1868 aus dem flüchtigen Einfall eine dauerhafte Institution entstehen.
Drei Männer und ein neues Vehikel

Verantwortlich dafür waren drei Männer, die im März jenes Jahres den Foreign & Colonial Government Trust ins Leben riefen. Der treibende Kopf war Philip Rose, ein Londoner Anwalt, der während des Eisenbahnbooms der 1840er Jahre zu Vermögen gekommen war, als finanzieller Berater von Premierminister Benjamin Disraeli über beste Verbindungen verfügte und Überseekredite wie kaum ein anderer verstand. An seiner Seite standen Samuel Laing, ein wohlhabender Financier und Politiker, der zuvor Minister in Indien gewesen war, sowie James Thompson Mackenzie, der stellvertretende Vorsitzende der East Bengal Railway. Fremde waren die drei einander nicht, fünf Jahre lang hatten sie zuvor gemeinsam die General Credit & Finance Company aufgebaut – gewissermaßen die Generalprobe für das, was nun folgte.
Was sie schufen, beschrieben sie selbst als ein gebündeltes und verwaltetes Anlageprogramm, das dem „investor of moderate means“, dem Anleger mit bescheidenen Mitteln, denselben Vorteil verschaffen sollte, den der „large capitalist“ längst genoss, nämlich das Risiko zu senken, indem man es über viele Werte verteilt. Aufgrund der von Skandalen geprägten Zeit und des dadurch verlorenen Vertrauens der Anleger taten die Gründer alles dafür, das Unternehmen nach außen hin so seriös wie möglich darzustellen. Ein Vorstand aus hochangesehenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Wertpapiere zur Sicherheit bei einer renommierten Bank hinterlegt, und im Hintergrund die guten Beziehungen bis in den Kreis um Disraeli.
Wie der Fonds funktionierte – und für wen
Der Plan war denkbar klar. Eine Million Pfund einsammeln und in 18 ausländische Staatsanleihen investieren, über den ganzen Globus verteilt. Das Geld floss nach Österreich, Ägypten, Italien, Portugal, Russland, Spanien und in die Türkei, nach Lateinamerika, Australien, Kanada und selbst in die Vereinigten Staaten, die damals noch als riskantes Schwellenland galten. Wer sich beteiligen wollte, zeichnete Zertifikate über 100 Pfund, die zu je 85 Pfund ausgegeben und später zum vollen Nennwert zurückgezahlt wurden. Diese Differenz allein steigerte bereits den Ertrag. Weil die meisten Anleihen unter Nennwert gekauft wurden, lag die jährliche Rendite letztlich bei rund 7 %, bei einer festen Laufzeit von 24 Jahren.
100 Pfund waren 1868 jedoch sehr viel Geld. Für einen Arbeiter ein bis zwei Jahresgehälter, für manche schlicht das gesamte Ersparte eines Lebens. Der Fonds machte das Investieren also keineswegs für jedermann erschwinglich. Seine Anleger kamen maximal aus der gut situierten Mitte, es waren Grafen, Ärzte, Offiziere und kleinere Kaufleute. Was der Trust demokratisierte, war deshalb nicht der Einstiegspreis, sondern die Streuung selbst. Hundert Pfund über 18 Länder zu verteilen, war zuvor unmöglich gewesen für jeden, der nicht reich genug war, jede Anleihe zu kaufen, nun erledigte das ein einziges Zertifikat. Genau darin lag der Durchbruch. Die eigentliche Erfindung war demnach das Anlagevehikel, über das die Investments den Anlegern zur Verfügung gestellt wurden.
Ein Trust, der gar keiner war
Eine Eigenart aus jenen Anfangstagen hat bis heute überdauert, nämlich dass ein „Investment Trust“ rechtlich gar kein Trust ist. F&C hätte man damals auf zwei Wegen aufziehen können. Der eine führte über eine Anmeldung als Aktiengesellschaft, als „Company“, wie sie das Unternehmensrecht jener Zeit vorsah. Der andere nutzte die ältere, formlosere Gestalt eines Trusts, für die keine Registrierung nötig war. Die Gründer entschieden sich für den Trust, und zwar aus einem Grund, der wenig mit Recht und viel mit Ruf zu tun hatte. Nach der großen Bankenkrise von 1866 klang „Company“ in den Ohren vieler Anleger nach Spekulation und Pleite, „Trust“ dagegen nach Stabilität und Vertrauen. Die Wahl war also zu einem guten Teil Marketing.
Was dabei niemand auf der Rechnung hatte, war eine Klausel in eben jenem Companies Act von 1862. Auf sie gestützt, erklärte ein Gericht 1879 solche Trusts kurzerhand für unzulässig und zwang F&C wie fast die gesamte junge Branche dazu, sich doch in genau jene „Company“ umzuwandeln, die man aus Imagegründen so sorgsam vermieden hatte. Den Namen „Trust“ aber behielt man bei. Das Etikett blieb, während sich die Rechtsform darunter still verändert hatte.
Vom Zweifel zum Siegeszug
Ein Selbstläufer war das neue Vehikel anfangs nicht. Die erste Ausgabe brachte statt der angepeilten Million nur rund die Hälfte ein, und die stammte überwiegend von wohlhabenden Anlegern, die je fünfzehn- bis dreißigtausend Pfund einlegten. Doch allmählich wärmte sich die Presse an der Idee. Die Times gehörte zu den ersten Befürwortern, und der Economist urteilte, dass die Konstruktion zwar höchst ungewöhnlich sei, die dahinterstehende Idee jedoch ausgesprochen gut.
Erst die folgenden Emissionen brachten dann jene kleineren Anleger herein, für die der Fonds eigentlich gedacht war, und drückten das durchschnittliche Investment auf rund 570 Pfund; bis 1873 war das Zeichnungsvolumen auf 3,5 Millionen Pfund gewachsen. Auch die Idee als Ganzes setzte sich durch – innerhalb von acht Jahren entstanden 17 weitere Investmenttrusts. Seinen Wert bewies das Konzept schließlich auf die überzeugendste Art, die man sich denken kann. Von den 18 Anleihen fiel im Lauf der Zeit nur eine einzige aus, und die Rücklagen wie auch der Erfolg der übrigen Papiere fingen den Verlust so vollständig auf, dass die Anleger ihn nicht einmal bemerkten.
Wie weit die Idee inzwischen reichte, lässt sich an den Aktionärslisten der 1880er Jahre ablesen, die sich wie ein Querschnitt durch die Bevölkerung lesen. Ein Graf steht dort neben einem Bauern, einem Lederschneider und einem Flachsspinner. Zwar immer noch nicht die Armen, aber eben längst nicht mehr nur die Reichen.
Von 1868 bis heute
Anderthalb Jahrhunderte später gibt es F&C noch immer, und in seinem Portfolio lässt sich die Wirtschaftsgeschichte dieser Zeit ablesen wie in Jahresringen. Am Anfang, 1868, standen die 18 ausländischen Staatsanleihen. In den Jahrzehnten darauf eroberte die Eisenbahn die Welt, und mit dem Kapital, das in Schienen und Streckennetze strömte, wandelte sich auch der Fonds. Neben Staatsanleihen traten mehr und mehr Eisenbahnanleihen, allen voran die der amerikanischen Bahngesellschaften. Um die Jahrhundertwende lag das Schwergewicht des Fonds ganz überwiegend in der Neuen Welt jenseits von Europa, von den Vereinigten Staaten bis nach Lateinamerika. 1925 folgte der nächste große Schritt, als sich der Trust von den festverzinslichen Papieren ab- und den Aktien zuwandte. Die allererste Stammaktie liegt bis heute im Bestand. Und wie das Geld stets dem prägenden Wirtschaftszweig seiner Zeit folgte, ist es schließlich bei den Technologiekonzernen angelangt, die heute die Märkte bestimmen.
Aus dem Fonds von damals ist so ein Schwergewicht im Londoner Leitindex FTSE 100 geworden, mit einem weltweit gestreuten Portfolio aus mehreren hundert Unternehmen. Und doch ist bei allem Wandel die Gründungsidee dieselbe geblieben, dem normalen Anleger denselben Zugang zu gestreutem, professionell verwaltetem Risiko zu geben, der einst allein den Reichen vorbehalten war.
Und genau das ist, in einem einzigen Satz, der Grund, warum es unsere Branche überhaupt gibt. Was ein Vermögensverwalter heute tut, ist im Kern nichts anderes als das, was Rose, Laing und Mackenzie sich ausdachten. Ein Sparplan über wenige Euro im Monat macht heute endlich auch den Einstiegspreis so zugänglich, wie es die Streuung schon lange ist. Der erste und entscheidende Schritt wurde 1868 getan – von drei Männern, die fanden, dass die Verteilung des Risikos kein Vorrecht der Reichen bleiben sollte.
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