Der Markt von heute ist nicht der Markt von gestern

Zurück zur Übersicht

Lesezeit: ~11 Minuten  ·  Stand: September 2026  ·  Aledius Asset Management

Die Buddhismus-Einsicht

Es gibt einen Gedanken, der am Ende vieler Marktdiskussionen formuliert wird, aber selten die Tiefe erhält, die er verdient: Der Markt von letztem Jahr ist nicht der Markt, den wir heute haben. Er ist nicht komplett anders. Aber er ist auch nicht derselbe.

Das klingt banal, hat aber weitreichende methodische Konsequenzen. Ein Backtesting über drei, fünf oder zehn Jahre testet eine Strategie gegen ein Marktregime, das in großen Teilen nicht mehr existiert. Die Korrelationsstrukturen haben sich verändert. Die dominanten Teilnehmer haben sich verändert. Die Instrumente haben sich verändert. Selbst die Ursachen von Volatilitätsspikes haben sich grundlegend gewandelt. Das macht historische Stabilitätsprüfungen nicht nur weniger nützlich – es macht sie strukturell irreführend.

Die Geschwindigkeit dieser Regimewechsel hat sich selbst beschleunigt. Was früher Jahrzehnte dauerte – der Übergang von der Dow- zur S&P-Dominanz als primärem Marktmaßstab – vollzieht sich heute in wenigen Jahren. Ein erfahrener Händler beobachtet heute, wie jüngere Marktteilnehmer den NASDAQ statt des S&P 500 als Benchmark zitieren. Das ist keine Meinung – es ist ein Regimewechsel in Echtzeit.

Strukturveränderung I

Der Tod des 60/40-Portfolios und die Bond-Equity-Korrelation

Das 60/40-Portfolio – 60 % Aktien, 40 % Staatsanleihen – war Jahrzehnte lang das Rückgrat konservativer Vermögensverwaltung. Die Logik dahinter war einfach und empirisch robust. Wenn Aktien fallen, steigen Anleihen, weil Kapital in sichere Häfen fließt und die Zentralbanken in Rezessionen die Zinsen senken. Die negative Korrelation zwischen beiden Assetklassen machte Staatsanleihen zum natürlichen Hedge.

Diese Logik funktioniert nicht mehr. Seit 2022 bewegen sich Anleihen und Aktien in der Mehrzahl der Stressphasen in dieselbe Richtung. Der Anleihen-ETF „TLT“ fällt, wenn Aktien fallen. Der klassische Risikoausgleich entfällt. Was 2022 als historische Ausnahme wahrgenommen wurde, erweist sich zunehmend als strukturelles Merkmal eines inflationsdominierten Regimes, in dem Zinsbewegungen sowohl Anleihen als auch Aktien belasten – und in dem höhere Zinsen die Bewertungsprämien beider Anlageklassen gleichzeitig komprimieren.

Die Konsequenz ist nicht akademisch. Wer einen Portfolio-Drawdown heute mit dem klassischen Instrumentarium absichern will, findet, dass sein Anleihen-Hedge denselben Drawdown erleidet wie seine Aktienposition. Das erhöht den Kapitalerhaltungsdruck in Abschwungphasen erheblich und macht Optionen, Volatilitätsprodukte und Cash zu deutlich relevanteren Instrumenten als frühere Portfoliokonstruktionsmodelle vorsehen.

DIE NEUE HEDGING-REALITÄT
Staatsanleihen als Aktien-Hedge: strukturell kompromittiert in Hochzinsregimen

Gold: weiterhin funktionsfähig, aber mit veränderten Korrelationsdynamiken in Stressphasen

Optionen / Volatilitätsprodukte: steigen in der relativen Bedeutung für Portfolioabsicherung

Cash: einfachster, kostenfreier Hedge. Aber mit Opportunitätskosten in Momentum-Märkten

AI-Large-Caps als mögliche ’neue Sicherheit‘: Einnahmen-Stabilität als Puffer-Argument diskutiert

Strukturveränderung II

0DTE dominiert – Optionsmärkte als Preismacher

Vielleicht die tiefgreifendste, aber am wenigsten diskutierte Strukturveränderung der letzten Jahre ist die dramatische Verschiebung in der Optionsmarktstruktur. Über 65 % des täglichen S&P-500-Optionsvolumens entfällt mittlerweile auf sogenannte Zero-Days-to-Expiry-Optionen (0DTE) – Kontrakte, die am Tag ihres Verfalls gehandelt werden. Beim NASDAQ liegt der Anteil von Kontrakten mit einer Restlaufzeit von fünf Tagen oder weniger sogar bei über 82 %.

Das ist keine Randnotiz. Es verändert die Marktmikrostruktur fundamental. Klassische Optionsmärkte arbeiteten mit Laufzeiten von Wochen und Monaten. Market Maker und Dealer stellten gamma-neutralisierte Portfolios auf und verwalteten ihr Risiko über Zeit. In einem 0DTE-dominierten Markt ist dieser Zeitpuffer nicht mehr vorhanden. Dealer müssen ihre Risiken innerhalb von Stunden hedgen – und tun das durch direktes Handeln im Underlying. Also: Optionsmärkte bewegen heute den Kassamarkt, nicht umgekehrt.

Die operative Konsequenz ist ein verändertes Volatilitätsprofil. Intraday-Bewegungen werden durch 0DTE-Gamma-Flows verstärkt oder abgedämpft. Kursverläufe, die früher über Tage oder Wochen ausgelaufen wären, komprimieren sich auf Stunden. Die Reaktionsgeschwindigkeit des Marktes auf Datenpunkte hat sich fundamental beschleunigt – und die Art der Datenpunkte, auf die er reagiert, hat sich ebenfalls verändert.

Strukturveränderung III

Sprunghafte Volatilität statt gradueller Bereinigung

Eng verbunden mit der 0DTE-Dominanz ist ein verändertes Volatilitätsmuster, das erfahrene Händler als besonders charakteristisch für das aktuelle Regime wahrnehmen. Märkte schleifen sich in einem scheinbar ruhigen Zustand höher – und reagieren dann auf einzelne, oft überraschende Datenpunkte mit abrupten 3–5%-Bewegungen innerhalb weniger Stunden.

Das Gegenteil des klassischen Muster ist verschwunden: der graduelle Abbau von Überhitzungen durch kleine Korrekturen, das organische ‚Ausdünnen des Unterholzes‘, das Präventivmaßnahmen gegen größere Strukturbrüche darstellte. Märkte bereinigen sich heute seltener und dafür schärfer. Die Abwesenheit häufiger kleiner Korrekturen ist dabei kein Zeichen von Stabilität – es ist eine Akkumulation von Fragilität.

Was dieses Muster auslöst, hat sich ebenfalls verändert. Ein klassischer Zinsentscheid der Fed, der früher zwangsläufig einen Sell-off produziert hätte, verpufft heute. Gleichzeitig kann ein neues KI-Modell aus China – scheinbar ein technisches, nachrichtlich begrenztes Ereignis – 10–15 % vom Börsenwert eines einzelnen Unternehmens innerhalb eines Tages auslöschen. Die Marktbeweger haben sich verändert, und mit ihnen die Risikofaktoren, die in Portfolios eingepreist werden müssen.

Strukturveränderung IV

VXN minus VIX als Regime-Indikator

Ein besonders elegantes Diagnose-Instrument für das aktuelle Marktregime ist der Spread zwischen VXN (implizite Volatilität des NASDAQ 100) und VIX (implizite Volatilität des S&P 500). Dieses Spread-Maß ist kein exotisches Derivat, sondern eine einfache Differenz zweier öffentlich verfügbarer Daten – und trotzdem außergewöhnlich aussagekräftig.

INSTRUMENTWAS GEMESSEN WIRDSIGNALINHALT
VIX (S&P 500)Gesamtmarkt-VolatilitätserwartungMakro-Angst, breite Marktrisiken
VXN (NASDAQ)Tech-VolatilitätserwartungEarnings-Risiko, Sektorrotation, AI-Themen
VXN − VIX SpreadRelative Tech-RisikoprämieDiagnoseinstrument: Tech outperformt / underperformt Gesamtmarkt
Spread ausgedehntMarkt preist Tech-Spezialrisiko einTech-Momentum läuft, Vola wird mitgekauft
Spread kollabiertMakrofaktoren dominieren alle SektorenMacro übernimmt Steuerung; Tech-Vol normalisiert sich

In der Phase, in der Halbleiter, DRAM und AI-Hardware-Titel in einem starken Aufwärtstrend liefen (Mai–Juni 2026), stieg die implizite Volatilität dieser Titel ebenfalls – ein Phänomen, das in klassischen Märkten ungewöhnlich ist, da steigende Kurse normalerweise Volatilität komprimieren. Die Rally war von Options-Aktivität begleitet, die die eigene Kraft wieder verstärkte. Volatilität ging mit dem Kurs nach oben. Das produzierte einen ausgedehnten VXN-VIX-Spread.

Wenn dieser Spread dann kollabiert – weil makroökonomische Faktoren (Zinssätze, Notenbankentscheidungen) die Narrativkontrolle übernehmen – signalisiert das einen Regimewechsel. Nicht mehr das Sektor-Momentum, sondern breites das Makro-Risiko steuert die Preisfindung. Diese Konstellation ist heute das Ausgangspunkt für taktische Positionierungsentscheidungen.

Strukturveränderung V

Tech als neue Hantel – und möglicherweise als neuer sicherer Hafen

Ein Gedanke, der im aktuellen Marktumfeld immer öfter auftaucht und strukturell ernst genommen werden muss: Könnten die großen AI-Technologieunternehmen – Nvidia, Microsoft, Alphabet – eine Funktion übernehmen, die bisher Staatsanleihen hatten? Die Logik dahinter ist nicht irrational.

Diese Unternehmen generieren Cashflows von historisch beispielloser Größenordnung. Nvidia erwirtschaftet Gewinne in Größenordnung von einer Milliarde Dollar pro Tag. Microsoft verkauft Anleihen in Volumina, die langlaufende Treasuries aus dem Markt zu verdrängen beginnen – mit einem Credit-Analyst-Argument, das vor wenigen Jahren noch undenkbar geklungen hätte: ‚Würden Sie lieber Google-Bonds oder 30-jährige Staatsanleihen halten?

Die Antwort auf diese Frage ist noch nicht eindeutig. Aber die Tatsache, dass sie gestellt wird, ist ein Signal. Wir beobachten Struktur, in der Tech-Unternehmen mit enormen Earnings-Polstern eine Art defensive Funktion übernehmen können, während zinssensitive, ‚traditionelle‘ Sektoren wie Financials und Versorger genau das Risiko tragen, das früher dem Aktienmarkt als Ganzes zugeschrieben wurde. Diese Rotation ist kein temporäres Phänomen – sie ist Ausdruck einer fundamentalen Verschiebung in der wirtschaftlichen Machtstruktur.

Strukturveränderung VI

Das Ende relevanter Backtesting-Horizonte

Es ist eine unbequeme Wahrheit für quantitative Anleger. Die Standardpraxis des Backtestings über drei, fünf oder zehn Jahre testet Strategien gegen Marktregime, die in wesentlichen Strukturparametern nicht mehr existieren.

Vor zehn Jahren waren 0DTE-Optionen marginal. Die Bond-Equity-Korrelation war negativ. AI-Earnings-Zyklen existierten nicht. Tech-Debt-Issuance in dieser Grössenordnung gab es nicht. Koreanische Margin-Calls hatten nicht dieselbe Übertragungsgeschwindigkeit auf US-Märkte. Eine Strategie, die über diese Periode backtested wurde, wurde gegen eine strukturell andere Welt kalibriert.

Das bedeutet nicht, dass historische Daten wertlos sind. Es bedeutet, dass der epistemologische Status von Backtests überdacht werden muss:. Nicht als Validierungsinstrument (‚Diese Strategie hat funktioniert‘), sondern als Kontextinstrument (‚In welchen Regimen, unter welchen Marktbedingungen hat diese Strategie funktioniert – und welche dieser Bedingungen sind heute noch vorhanden?‘). Regime-bewusstes Backtesting – nicht über einen langen, homogenisierten Zeitraum, sondern segmentiert nach strukturellen Brüchen – ist die methodisch ehrlichere Alternative.

DIMENSIONALTES PARADIGMANEUES PARADIGMA
Benchmark / LeitindexS&P 500 dominiertNASDAQ als primärer Marktmaßstab
Bond-Equity-KorrelationNegativ (klassischer Hedge)Positiv – Bonds und Equities fallen gemeinsam
Dominante Hedging-Logik60/40-Portfolio, Government BondsOptionen, Volatilitätsprodukte, Cash, AI-Equities
MarkterschütterungenMakro-Events (Zinsen, Rezession)Derivate-Cascades, 0DTE-Flows, geopolitische Überraschungen
VolatilitätsmusterGraduelle Auflösung mit VorwarnungAbrupte Volatilität aus scheinbar ruhigem Umfeld
Optionsmarkt-AnteilSekundäre Rolle0DTE = 65%+ des S&P-Tagesvolumens; 82% NASDAQ-OI < 5 Tage
AI-Earnings als FaktorNicht existentZentraler Marktbeschleuniger und Sentiment-Anker
Backtesting-Horizont3–10 Jahre als StandardStrukturell irrelevant – Marktregime wechseln schneller

Was sich verändert hat

Die sechs beschriebenen Strukturveränderungen konvergieren auf eine gemeinsame Schlussfolgerung. Märkte reagieren heute schneller, auf andere Auslöser, mit schärferen Amplituden und mit veränderten Interkorrelationsstrukturen. Das macht die Risikowahrnehmung schwieriger – nicht weil Märkte irrationaler wären, sondern weil die Kausallogik komplexer und schneller geworden ist.

Was sich nicht verändert hat

Die Grundmechanik reflexiver Feedback-Loops – Wahrnehmungen beeinflussen Preise, Preise beeinflussen Fundamentals, Fundamentals beeinflussen Wahrnehmungen – ist strukturell dieselbe wie zu Soros‘ Zeiten. Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der sich diese Loops schließen, und die Instrumente, durch die sie sich heute entfalten. 0DTE-Optionen und AI-Earnings sind neue Vehikel für alte Dynamiken – aber die Geschwindigkeitszunahme verändert die operative Handhabung fundamental.

Adaptivität als Kernkompetenz

Es gibt keine vollständig neue Finanzwelt. Es gibt dieselben menschlichen Dynamiken – Gier, Angst, reflexive Feedback-Loops – aber in veränderten Strukturen, mit veränderten Instrumenten und zu veränderten Geschwindigkeiten. Der Investor, der das anerkennt, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber demjenigen, der mit den Axiomen der Vergangenheit operiert.

‚Die Dinge, die Märkte bewegen, haben sich erheblich verändert‚, ist nicht Klagelied, sondern Diagnose. Der Markt von 2016 funktionierte nach anderen Regeln als der von 2022, und der von 2022 nach anderen als der von 2026. Diese Adaptivität zu institutionalisieren – nicht als gelegentliche Reflexion, sondern als kontinuierlichen Prozess der Regime-Überprüfung – ist die Kernkompetenz, die nachhaltige Performance in strukturell instabilen Systemen ermöglicht. Das ist auch die tiefste operative Konsequenz aus George Soros‘ Reflexivitätsbegriff: Nicht der Markt ist das Problem. Das Problem ist das Vertrauen in feste Beschreibungen eines Systems, das sich durch unsere Beschreibung verändert. Adaptive Hypothesen über ein adaptives System – das ist der intellektuell ehrliche Ausgangspunkt für jeden, der Kapitalmärkte ernstnimmt.

Mehr dazu auf der Tonspur – Jetzt reinhören 🎧

Mehr zum Thema Reflexivität, und weshalb wir es für unseren Investmentprozess als essentiell erachten:

👉 Die Reflexivität

Wichtige Hinweise: Aledius Kommentare oder anderweitige Aledius-Publikationen sind eine unverbindliche Marketingmitteilung, die sich ausschließlich an in Deutschland ansässige Empfänger richtet. Er stellt weder eine konkrete Anlageempfehlung dar, noch kommt durch seine Ausgabe oder Entgegennahme ein Auskunfts- oder Beratungsvertrag gleich welcher Art zustande. Die wiedergegebenen Informationen stammen aus Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wir jedoch keine Gewähr oder Haftung übernehmen können. Soweit auf Basis solcher Informationen Einschätzungen, Statements, Meinungen und/oder Prognosen abgegeben werden, handelt es sich jeweils lediglich um die persönliche und unverbindliche Auffassung der Verfasser, die als Ansprechpartner benannt werden. Die etwaigen genannten Kennzahlen und Entwicklungen der Vergangenheit sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Entwicklungen, so dass sich insbesondere darauf gestützte Prognosen im Nachhinein als unzutreffend erweisen können. Es kann zudem naturgemäß die individuellen Anlagemöglichkeiten, -strategien und -ziele seiner Empfänger nicht berücksichtigen und enthält dementsprechend keine Aussagen darüber, wie sein Inhalt in Bezug auf die persönliche Situation des jeweiligen Empfängers zu würdigen ist. Soweit Angaben zu oder in Fremdwährungen gemacht werden, ist bei der Würdigung solcher Angaben durch den Empfänger zudem stets auch das Wechselkursrisiko zu beachten. Die Aledius Asset Management GmbH ( Registernummer 80182098 öffentlich geführt unter www.bafin.de ), ist als vertraglich gebundener Vermittler (Tied Agent) im Sinne des § 3 Abs. 2 WpIG ausschließlich im Auftrag und unter der Haftung (Haftunsgdach) der BfV Bank für Vermögen AG, Frankfurter Landstraße 62 a, 61440 Oberursel (Taunus), Deutschland, als Anlagevermittler tätig. Die BfV Bank für Vermögen AG besitzt für die vorgenannten Finanzdienstleistungen eine entsprechende Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gemäß § 15 WpIG.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen

Bleiben Sie informiert:

Melden Sie sich zu unserem Newsletter an und erfahren Sie mehr über uns und unsere Produkte.