Fragt man zehn Menschen, wie es um die Wirtschaft steht, werden neun von ihnen dieselben Zahlen zitieren: BIP-Wachstum, Arbeitslosenquote, vielleicht noch die Jahresperformance des Aktienmarktes. Und das ist erst einmal nachvollziehbar. Es sind die größten, am häufigsten zitierten und am besten dokumentierten Kennzahlen, die wir haben.
Genau diese Zahlen sind aber so gut wie nie ein Frühwarnsystem. Sie sind ein Rückspiegel.
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Wir sehen in unserer Arbeit bei Aledius immer wieder, wie sehr sich Anleger und auch Marktbeobachter auf diese aggregierten Größen verlassen – und wie regelmäßig sie damit auf dem falschen Fuß erwischt werden. Jede Rezession „kommt aus dem Nichts“, jeder Aufschwung „wurde verpasst“. Das ist kein Zufall. Es liegt in der Natur dieser Kennzahlen selbst.
Ein logisches Problem, kein Zufall
Bruttoinlandsprodukt, Beschäftigungszahlen, Konsumausgaben – das sind exakt die Größen, mit denen eine Rezession überhaupt erst definiert wird. Wer versucht, aus ihnen eine Vorwarnung abzuleiten, bewegt sich in einem Zirkelschluss. Eine Kennzahl, die per Definition erst dann kippt, wenn die Rezession beginnt, kann unmöglich vor der Rezession warnen.
Ein Beispiel macht das greifbar. Stellen wir uns vor, jemand berichtet: Das reale BIP wächst um knapp 4 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt bei 4 Prozent, der Aktienmarkt hat im letzten Jahr zweistellig zugelegt. Klingt nach einer robusten Wirtschaft, oder? Genau diese Konstellation beschrieb das dritte Quartal 2000 – wenige Monate vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Eine ganz ähnliche Kombination aus solidem Wachstum, niedriger Arbeitslosigkeit und boomendem Aktienmarkt fand sich im dritten Quartal 2007, kurz bevor die Finanzkrise begann.
Die Zahlen logen in beiden Fällen nicht. Sie beschrieben lediglich einen Zustand, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits überholt war. Der Boden hatte sich unter der Oberfläche längst verschoben.
Die Wirtschaft bewegt sich nicht als Ganzes
Der entscheidende Denkfehler liegt darin, die Wirtschaft als einen einzigen, homogenen Block zu betrachten. Tatsächlich bewegen sich einzelne Bereiche in einer erkennbaren Reihenfolge – manche laufen dem Gesamtbild systematisch voraus, andere hinken ihm systematisch hinterher.
Anfang 2007 etwa befand sich der US-Immobiliensektor bereits mitten in der Rezession, während Dienstleistungen, Gesundheitswesen und öffentliche Aufträge noch prosperierten. Zwei Unternehmer hätten sich zur gleichen Zeit unterhalten können – der eine mitten in der Krise, der andere im besten Quartal seiner Firmengeschichte. Beide hätten recht gehabt.
Wer die Wirtschaft wirklich lesen will, muss also wissen, in welchem Teil der Sequenz er sich gerade befindet. Kredit- und Geldmengenwachstum, Zinsstrukturkurve oder Baugenehmigungen bewegen sich typischerweise zuerst. Es folgt der zyklische Kern – Bau und verarbeitendes Gewerbe, verantwortlich für einen kleinen Teil der Beschäftigung, aber für nahezu sämtliche rezessionsbedingten Jobverluste. Erst danach schlägt sich die Entwicklung in den großen, aggregierten Zahlen nieder. Bildung, Gesundheitswesen und öffentliche Verwaltung reagieren zuletzt – oft erst mit ein bis zwei Jahren Verzögerung.
Was das für unseren Ansatz bedeutet
Genau dieses Prinzip – dass Signale in einer Sequenz auftreten, und dass es entscheidend ist, an welcher Stelle dieser Sequenz man ansetzt – bildet auch einen Grundpfeiler unseres eigenen Rahmenwerks. Unser WIP-Modell klassifiziert das makroökonomische Umfeld nicht anhand absoluter, retrospektiver Werte, sondern anhand der Beschleunigung oder Verlangsamung von Wachstum und Inflation. Nicht die Höhe einer Kennzahl interessiert uns primär, sondern ihre Richtungsänderung – denn genau dort liegt der Informationsvorsprung, den nachlaufende Aggregatdaten strukturell nicht liefern können.
Im Rahmenwerk unterteilen wir den Konjunkturzyklus in vier klar abgegrenzte Bereiche: Leading, Cyclical, Aggregate und Lagging. Der erste Bereich misst die Verfügbarkeit von Geld und Kredit. Betrachtet man den Prozess an Zyklushochs, führt eine Straffung von Geld und Kredit zu rückläufigem Wachstum und sinkender Beschäftigung in den zinssensibelsten Branchen – das sind Bau und verarbeitendes Gewerbe. Der Rückgang der Aktivität und die dadurch entstehende Arbeitslosigkeit in Bau und verarbeitendem Gewerbe erzeugen den Stress und den Abschwung bei den Ausgaben, der erst danach in den breiten bzw. Wirtschaftsstatistiken sichtbar wird.
Zuletzt spüren die Komponenten der Lagging Economy, vor allem der Dienstleistungskonsum und die Beschäftigung im Dienstleistungssektor, die Auswirkungen – wichtig ist aber: Das ist ein nachgelagerter Effekt dessen, was zuvor in der Cyclical Economy passiert ist. Der entscheidende Punkt ist, dass sich manche Teile der Wirtschaft immer vor dem Durchschnitt bewegen und andere immer danach. Das ganze Spiel besteht darin, zu wissen, welchen Teil man gerade betrachtet.
Fast die gesamte Wirtschaftsanalyse beginnt bei der Aggregate Economy. Das sind die breiten wirtschaftlichen Kennzahlen wie BIP, Arbeitslosenquote, persönliches Einkommen und privater Konsum. Bei Aledius haben wir einen sog. Aggregate Economy Index, der diese Indikatoren zu einer Kennzahl zusammenfasst, bei dem Hoch- und Tiefpunkte mit den Start- und Enddaten von Rezessionen übereinstimmen. Wenn die Aggregate Economy das ist, was eine Rezession definiert, dann kann alles, was sich mit ihr bewegt, immer nur zeigen, dass eine Rezession bereits begonnen hat. Man kann nicht früh dran sein, wenn man den Teil der Wirtschaft beobachtet, der den Zyklus selbst definiert. Wenn er sich dreht, steckt man schon mittendrin.
Wer nur auf BIP, Arbeitslosenquote oder Indexstände schaut, misst die Temperatur von gestern. Das ist nicht wertlos – als Bestätigung eines bereits erkannten Trends hat es durchaus seinen Platz. Als Wegweiser für das, was kommt, ist es aber strukturell ungeeignet. Die eigentliche Aufgabe liegt darin, die richtigen Daten in der richtigen Reihenfolge zu beobachten – und die vorderen Glieder der Kette nicht mit dem Lärm der hinteren zu verwechseln: Geld, Kredit und vor allem die Cyclical Economy, die alles Nachgelagerte antreibt.
Heute etwa sehen wir eine Divergenz. Die Cyclical Economy fällt, wenn auch recht mild, während die Aggregate Economy weiter steigt. Ein weiterer Proxy, den wir nutzen, Cyclical GDP, hat diese Abschwächung bislang noch nicht bestätigt. Und darunter verläuft ein säkularer Trend. Die Gewinne steigen schneller als die Wirtschaft, was die Unternehmensmargen immer weiter nach oben treibt.
Wo der Anfang der Kette gerade steht und ob das auf echte zyklische Verwundbarkeit oder ein Entwarnungssignal für Assets hindeutet, könnt Ihr gerne bei uns in Erfahrung bringen. Kontaktiert uns einfach unter:
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