Lesezeit: ~4 Minuten · Stand: August 2026 · Aledius Asset Management
In einem BMW-Werk in South Carolina hat im vergangenen Jahr ein humanoider Roboter zehn Monate lang Schicht um Schicht gearbeitet. Zehn-Stunden-Tage, ein Bauteil alle 84 Sekunden, mehr als 90.000 verarbeitete Teile, eine Platzierungsgenauigkeit von ĂĽber 99 Prozent. Ăśber 30.000 X3-Modelle liefen unter seiner Mitwirkung vom Band. In diesem Sommer kam bereits das Nachfolgemodell hinzu, diesmal in der Logistik.
Die Öffentlichkeit hat davon kaum Notiz genommen. Viral gehen die Videos von Robotern, die stolpern, Wäsche falsch falten oder von einem Techniker hastig abgeschaltet werden. Die unspektakuläre Realität – eine Maschine, die zuverlässig Schicht für Schicht ihre Arbeit verrichtet – erzeugt keine Klicks. Genau das führt dazu, dass die kollektive Wahrnehmung dem tatsächlichen Entwicklungsstand deutlich hinterherhinkt. Die Erzählung lautet: „Humanoide Roboter sind noch Jahrzehnte entfernt.“ Die ökonomische Realität sagt etwas anderes.
Eine Wachstumsrechnung mit einer fehlenden Komponente
Volkswirtschaftliches Wachstum speist sich strukturell aus drei Quellen:
mehr Arbeitskräfte
höhere Produktivität je Arbeitskraft
oder mehr Verschuldung
In den entwickelten Volkswirtschaften ist der erste Faktor seit Jahrzehnten faktisch ausgefallen. Geburtenraten liegen unterhalb des Reproduktionsniveaus, die Erwerbsbevölkerung schrumpft, eine alternde Gesellschaft produziert pro Kopf weniger und beansprucht gleichzeitig mehr. Die Lücke wurde – notgedrungen – über den dritten Faktor geschlossen: die Verschuldung. Das ist einer der stillen Treiber struktureller Geldentwertung, mit denen sich Anleger seit Jahren auseinandersetzen müssen.
Was sich hier andeutet, ist eine mögliche Verschiebung dieser Grundgleichung. Man kann keine Menschen produzieren – wohl aber Arbeitsleistung. Ein humanoider Roboter, der physische Arbeit verrichtet, und ein KI-Agent, der kognitive Aufgaben übernimmt, sind in diesem Sinne keine gewöhnlichen Werkzeuge, sondern neue, im ökonomischen Sinn produktive Einheiten. Sie besetzen potenziell den Platz im ersten Term der Gleichung, den man bereits abgeschrieben hatte.

Zwei Hälften, zwei Kontinente
Bemerkenswert ist die Arbeitsteilung, die sich dabei abzeichnet. Die führenden KI-Modelle für Robotersteuerung entstehen überwiegend in den USA – bei Physical Intelligence, Google DeepMind, Figure – und laufen praktisch durchgängig auf Nvidia-Hardware. Die physische Fertigung ist dagegen deutlich stärker in China verankert. Der chinesische Hersteller Unitree allein hat im vergangenen Jahr über 5.000 humanoide Roboter ausgeliefert, während westliche Wettbewerber wie Figure oder Agility Robotics im gleichen Zeitraum jeweils im niedrigen dreistelligen Bereich blieben.
Der Grund dafür liegt weniger in der Verfügbarkeit von Rohstoffen als in der Bereitschaft, sie zu verarbeiten. China dominiert heute mit rund 90 Prozent die globale Raffination von Seltenen Erden und die Fertigung gesinterter Magnete – Vorprodukte, die in jedem leistungsfähigen Elektromotor stecken. Vor zwanzig Jahren lag dieser Anteil noch bei etwa der Hälfte. Seltene Erden sind geologisch nicht selten; selten ist die Bereitschaft, die technisch anspruchsvolle und ökologisch belastende Trennchemie im eigenen Land zu betreiben. Der Westen hat diesen Teil der Wertschöpfungskette bewusst ausgelagert – mit Folgen, die heute strategisch relevant werden.
Wo die Produktivität bereits ankommt
Dass sich dieser Wandel messbar niederschlägt, zeigt sich dort, wo Automatisierung bereits im großen Maßstab läuft. Amazon betreibt heute rund eine Million Roboter im Logistiknetzwerk. Die Menge an Paketen, die ein einzelner Mitarbeiter jährlich bearbeitet, ist von rund 175 im Jahr 2016 auf etwa 3.870 im Jahr 2025 gestiegen – nicht durch Stellenabbau, sondern durch die Kombination von Mensch und Maschine. Genau das ist die Definition von Produktivitätswachstum, wie sie in der eingangs beschriebenen Gleichung fehlte.
Die Fragen, die jetzt an Gewicht gewinnen
Mit der physischen und wirtschaftlichen Integration von Robotik und KI-Agenten entstehen Anschlussfragen, die über reine Technikbetrachtung hinausgehen. Wie werden Maschinen künftig für Energie und Rechenleistung bezahlt, wenn Transaktionen im Sekundentakt zwischen nicht-menschlichen Akteuren stattfinden? Welche regulatorischen und gesellschaftlichen Fragen entstehen, wenn Maschinen faktisch zu wirtschaftlich handelnden Einheiten werden? Diese Fragen sind derzeit offen – aber sie werden mit wachsender Verbreitung der Technologie an Relevanz gewinnen, auch für die Bewertung langfristiger struktureller Trends.
Unsere Einordnung
Für uns als Asset Manager ist dieses Thema kein Zukunftsszenario, sondern ein struktureller Faktor, der in die makroökonomische Betrachtung gehört – neben Wachstum, Inflation und Politik. Demografischer Druck, Automatisierungstempo und geopolitische Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen sind Variablen, die mittelfristig auf Kapitalmärkte einwirken, ohne dass sich ihr Zeitpunkt präzise vorhersagen lässt. Genau für diese Art von Unsicherheit ist ein diszipliniertes Risikomanagement kein Gegensatz zu struktureller Chance, sondern deren Voraussetzung.
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